Popmusik in der Kirche: Klangräume für Resonanz
Workshops, Debatten und ein Konzert zeigen: Die Suche nach zeitgemäßer Verkündigung hat gerade erst begonnen. Carsten Hauptmann berichtet von CONNECT, dem ersten Inspirationstag für Christliche Popularmusik
Ein paar Akkorde auf dem E-Piano, dann setzt der Gesang ein. Eine bunt gemischte Gruppe aus ehrenamtlichen Bandmitgliedern, Kirchenmusikerinnen, musizierenden Pfarrern und Jugendmitarbeitenden strömt in den großen Saal des Burgstädter Gemeindezentrums. Tablets werden beiseitegelegt, Noten geschlossen, Gespräche verstummen. Allmählich stimmen alle in den Refrain ein: „Ich will deine Stimme hörn im Rauschen dieser Zeit.“
CROSS & GROOOVE, das Netzwerk für christliche Popularmusik in Sachsen, will solche Momente ermöglichen: Pop in der Landeskirche sichtbarer machen und Menschen miteinander vernetzen. Beim ersten Inspirationstag „CONNECT – verbinden“ in Burgstädt wurde dieser Anspruch konkret. Rund um Workshops, Vorträge und Diskussionen entstand ein Raum, in dem sich Akteure begegneten, die sonst selten zusammentreffen. „Ich konnte heute mit Menschen sprechen, denen ich sonst nie begegnet wäre“, sagt ein Teilnehmer und schultert seine Gitarre. Im Zentrum stand dabei eine Frage, die weit über den Tag hinausweist: Welche Rolle kann Popularmusik für die Kirche von morgen spielen – und wie missionarisch darf sie sein? Veranstaltet wurde der Inspirationstag in Kooperation mit dem Netzwerk „Kirche, die weitergeht“.
Durch den Tag führte der Sänger Samuel Rösch. Den inhaltlichen Auftakt setzte der Pianist und Songwriter Timo Böcking, Professor an der Popakademie in Witten. Er warb dafür, Popularmusik als kulturelle Chance ernst zu nehmen. Kirche sei eine der größten Kulturförderinnen in Deutschland und müsse diesen Auftrag stärker auch im populären Bereich wahrnehmen. Entscheidend sei nicht, ob sich das rechne, sondern ob es sich lohne.
Böcking versteht Popularmusik ausdrücklich als missionarische Möglichkeit. Viele Menschen – unabhängig von religiöser Prägung – stellten sich Sinnfragen, auf die das Evangelium Antworten gebe. Damit diese gehört werden, müsse Kirche jedoch stärker an die Lebenswelt und Sprache der Gegenwart anknüpfen. Gerade ihr nicht-kommerzieller Zugang eröffne die Chance, kulturell wirksam zu sein und gesellschaftliche Relevanz zurückzugewinnen.
Am Nachmittag wurde es praktisch: In Workshops ging es darum, Choräle neu zu interpretieren, das eigene Instrument besser kennenzulernen oder neue Liedformate für den Gemeindekontext zu entdecken. So wurde aus „Christ ist erstanden“ eine Rock-Hymne, und neben Wochenliedern kamen auch „Monatslieder“ ins Spiel. Singen, Grooven, Diskutieren – das Angebot wurde intensiv genutzt. „Das Workshopangebot war super“, sagt eine Teilnehmerin.
In der Podiumsdiskussion wurde die zentrale Frage des Tages zugespitzt: Ist Popularmusik eine missionarische Chance – oder Ausdruck eines kirchlichen Anpassungsdrucks? Einigkeit bestand darin, Mission weniger als Strategie denn als das Öffnen von Resonanzräumen zu verstehen, in denen Menschen einander und dem Glauben begegnen können.
Kontroverser wurde es beim Blick auf musikalische Stile. Viele Menschen bewegen sich selbstverständlich in populären Klangwelten, auch im Bereich des Schlagers. Nähe und Abgrenzung zur Worship-Musik wurden dabei kritisch diskutiert. Ein Satz blieb hängen: „Wir sind als Christenkultur zu oft beim Anpassen, weil wir zu selten wissen, was wir lieben.“ Die Suche nach einer eigenen musikalischen Identität wurde damit zur offenen Aufgabe.
Den Abschluss bildete ein Konzert der Stuttgarter Band Weida & Mohns. Ihr Ansatz: alte Choräle neu hörbar machen. Bekannte Texte und Melodien wurden mit zusätzlichen Strophen und Refrains in einen modernen Pop-Sound übertragen. So verschoben sich die Grenzen zwischen Tradition und Gegenwart beinahe unmerklich – und plötzlich wurde tanzend eine Zeile von Zinzendorf mitgesungen.
In der Burgstädter Kirche entstand ein stimmiges Zusammenspiel aus Musik, Raum und Licht. Für Carsten Hauptmann, Referent für Jugend- und Popularmusik im Landesjugendpfarramt, ist klar: „Dieser Tag soll kein Einzelereignis bleiben.“ Eine Neuauflage des Netzwerktreffens ist in zwei Jahren geplant.
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Fotos: Janis Leichsenring, Carsten Kuniß und Carsten Hauptmann












