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Ein Jugend-Musik-Theater-Tag

| Musik

Im Leipziger Land wurde das Jugendmusical „Albert Schweitzer“ inszeniert. Carsten Hauptmann berichtet, wie er den Tag der Aufführung erlebt hat

"Es ist so ein schöner Tag - Schallalala" - viel zu laut dröhnt Musik über den Gang. Ich öffne die Augen und blicke durch mein Fenster in den sonnigen Herbsthimmel über Kohren-Sahlis. Die erste Woche in den Oktoberferien gehören den Jugend-Musik-Theater-Tagen im Leipziger Land. Schon neun Jahre gibt es dieses Projekt: Chorgesang und professionelles Theatertraining. Ich liebe diese Kombination und erlebe jedes Jahr neu, wie sich über 20 Jugendliche dafür begeistern lassen und ein komplettes Musical auf die Kirchenbühne bringen.

Ein weiteres "Aufwachen!" des Weckteams reißt mich aus meinen Gedanken. Ich starte in den Tag und finde den Probensaal fast leer vor. Nur die große Kerze in der Mitte brennt schon und das Leitungsteam begrüßt mich fröhlich. Grethe hat heute die Andacht vorbereitet. Nach und nach schlurfen die Jugendlichen herein - wann waren wir gleich verabredet? Ich frage mich kurz, ob der Tagesplan doch zu straff ist, doch dann erlebe ich mit der Gruppe eine wunderbar sinnliche Meditation mit Herbstlaub, Kastanien und Moos an den Händen.

"Ehrfurcht vor dem Leben" ist das Thema dieser Woche und Albert Schweitzer die zentrale Figur in unserem Musical. Sein Leben als Arzt, Theologe und Musiker hat so viele Facetten, dass es viel zu entdecken gibt für Jugendliche und überhaupt für unsere heutige Zeit. Ich denke an den Themenabend zurück, an die Diskussionen in der Gruppe über die Fragen, ob man eine Mücke töten darf oder nicht; ob Abrüstung Sinn macht und ob ein Appell an die Menschheit eigentlich irgendetwas ändert. Und dann gab es diese unglaublich intensive Abschluss-Runde: die Jugendlichen hatten eigene Statements zu Frieden und Ehrfurcht vor dem Leben formuliert. Abwechselnd traten sie in den Kreis und haben ihren Appell vorgetragen. Unvergesslich! Gestern haben sie ihre Sätze aufgenommen. Ich bin schon ganz gespannt, wie es wirkt, wenn sich am Ende des Musicals die Stimmen der Jugendlichen mit dem Originalton von Albert Schweitzer vermischen.

Wir singen noch ein Morgenlied und das Frühstück beginnt. Dann startet der Tag mit Aufwärmübungen. Eine intensive Zeit, denn hier wird nicht nur getanzt und geturnt, sondern wir üben uns wahrzunehmen beim Schweigen, Laufen und Hören. Allmählich gehen wir über ins Murmeln, Tönen und Singen. Martina übernimmt das chorische Einsingen. Ich staune, wie klar die Jugendlichen singen, wie hoch die Töne fliegen und welche Lernkurven hier hörbar werden.

Am Vormittag proben wir die Chorstücke. Ich übernehme das Einzeltraining mit den Solistinnen und Solisten. Nach drei Tagen sitzen Text und Ausdruck schon wunderbar. Würde ich das schaffen? Ich kann mich zum Glück an den Noten festhalten, schließlich muss ich den Klavierpart drauf haben. Eine letzte Probe mit den Jugendlichen, die die Perkussion übernehmen - Shaker, Conga und Vibraslap sind Teil des musikalischen Konzepts. Aber auch Orgelklänge dürfen bei einem Stück über Albert Schweitzer nicht fehlen - schließlich war er ein gefeierter Organist und hat sich sogar ein Instrument in sein Urwaldkrankenhaus nach Afrika liefern lassen.

Auf dem Weg in die Kirche werfe ich einen Blick in die Requisiten-Werkstatt. Viele Jugendliche schneiden noch Pappen für die Inszenierung zu und lassen mit dicken Eddings richtige Kostüme und Gegenstände entstehen. Ich nehme ein "Sektglas", das an einem Holzstab klebt, in die Hand und stoße mit Janna auf ihre grandiose Idee für das Bühnenbild an.

 

Nach dem Mittagessen wechseln wir in die Kirche. Die Generalprobe, jetzt auch mit Geige, Cello und Tontechnik, verläuft energiegeladen und fast reibungslos. Alle fiebern der ersten Aufführung am Nachmittag entgegen. Marc gibt die letzten Regie-Anweisungen. Noch einmal zeigt er, wie sich Situations-Komik erzeugen lässt; noch einmal fordert er große Gesten; noch ein letztes Mal zeigt er, wie die Szene mit der endlosen Kartoffelschale funktioniert.

Und dann ist es soweit: die ersten Besucher strömen in die Kirche, auf dem Altarplatz stehen die Jugendlichen in Schwarz-Weiß gekleidet andächtig beisammen. Die ersten Töne erklingen: "Hele, helle, hele, leelo, leelo, leelo" - ein mehrstimmiger Gesang aus Estland eröffnet das Konzert. Die Jungs stimmen ein zu "Dona nobis pacem" und wir singen das große Gebet "Herr, mache mich zum Werkzeug deines Friedens". Dann wird es feierlich: vor einer großen Orgel aus Pappe entfaltet sich ein großartiges Panorama aus verschiedensten Musikstilen und Theater-Szenen. Streicherklänge und Orgelakkorde gehen über zu bluesigen Klavierlicks und Ohrwürmern im Swing. Auf der Kirchenbühne tummeln sich Gäste bei einem großen Empfang, wechseln Kostüme aus Pappe von einem Augenblick zum anderen. Szenen aus Albert Schweitzers Leben tauchen auf und verschwimmen ineinander. Es wird gelacht und geweint, Projektionen von Vögeln und Gesichtern schwirren durch den Altarraum und werden von Jugendlichen mit Pappschildern aufgefangen. Wir fliegen von einem Song zum nächsten, verharren feierlich beim Schlusschoral und am Ende gibt es diesen Moment, für den sich all die Arbeit lohnt: der Moment in dem sich alles verdichtet und noch einmal alles gleichzeitig da ist: der Moment, nachdem der letzte Ton verklungen ist und die dunkle Stille vom Applaus zerrissen wird.

Wir sitzen noch am Lagerfeuer. Alles ist aufgeräumt. Alles ist erledigt. Der Abend ist kalt, doch im Kreis wärmt uns die ausgelassene Stimmung. Witze werden gerissen, ein Song hebt an zu Gitarrenakkorden. Erleichtert blicken wir zurück auf eine intensive Woche und auf die Musicals der letzten Jahre. Morgen noch die zweite Aufführung in Leipzig. Noch einmal singen, spielen, tanzen. Noch einmal große Gedanken und große Gefühle. Noch einmal unvergessliche Erinnerungen. Und dann Abschied nehmen. Und dann hoffentlich das nächste Mal…