Der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele. Mk 10,45
„Schleunigst! Dallidalli -ruckzuck. Jetzt aber schnell. Kannst du mal eben? Wie, ist das immer noch nicht fertig? Ich wollte nur noch ganz schnell…“
Das kennt ihr alle, oder?!
Viel und schnell und gleichzeitig soll es sein. Zwischen Twitter, Nachrichtensnippets, parallel geöffneten Bildschirmfenstern, 1000 Möglichkeiten und 10.000 Aufgaben sollen wir irgendwie versuchen, die Ruhe zu bewahren. Ganz schön schwierig. Und wir seufzen tief und rennen weiter.
Hier geht es nicht darum, die „alte Ruhe“ oder gar die „alte Ordnung“ wiederzugewinnen. Es hat sich noch etwas verändert. Der Druck ist gewachsen. Es ist auffällig, dass immer mehr Menschen von den „Jetzt-und-Schleunigst-Symptomen“ ergriffen werden. Einige werden krank davon. Die Wochenzeitschrift „Die Zeit“ titelte vor einigen Monaten: „Noch jemand ohne Burnout?“.
Und richtig, diese Diagnose trifft viel zu viele Menschen in helfenden und auch idealistischen Berufen. Sie sind ausgebrannt von zu viel „Jetzt aber schnell“, „Kannst du mal noch eben?“, „Wir müssen unbedingt noch...“ und dem scheinbaren Subtext „Jetzt oder nie“. Manchmal denke ich: „Jetzt oder nie? Was für ein Unsinn!“, meistens aber zu spät und erst im Nachhinein. Die Welt wäre nicht untergegangen. Und trotzdem hastet man schnell weiter.
Machen wir uns also auf die Suche nach den Ursachen der Schleunigkeit.
Wer ist der schleunige Mensch?
Ich habe euch einen ganz typischen Vertreter der postmodernen Großstadt des 21. Jahrhunderts mitgebracht. Vielleicht kennt ihr ihn ja. Vielleicht habt ihr ihn schon mal an der Elbe getroffen oder im Supermarkt oder im Zug oder auf der Autobahn. Das folgende Lied stammt von der „Kleingeldprinzessin“ und heißt: "Tempomat"
Eine Zeile berührt mich bei diesem Lied ganz besonders:
"Ich hab kein Gepäck, keinen Proviant,
keinen Sinn und Zweck, als die Vermeidung von Stillstand."
Das ist also der postmoderne Mensch, der alles haben und kaufen kann und überall hinreisen kann und trotzdem – oder gerade deswegen - keinen Sinn findet.
Jetzt könnte man sagen, das betrifft uns nicht und auch nicht unsere Jugendlichen, weil wir doch ganz klar einer ‚sinnstiftenden Vereinigung‘ angehören. Ich möchte niemandem unterstellen, diese Sinnstiftung nicht jeden Tag zu spüren und durch sie motiviert zu sein. Aber ich erlebe an mir und anderen trotzdem einen großen Hang zu „Schleunigkeit“ und Hast. Ein Kollege, der gerne Sprüche klopft, meinte neulich: „Gut gedacht, aber hastig ausgeführt“
Und ich frage mich, ob uns dazu nur die Welt um uns herum provoziert, diese Tempomatenwelt. Oder gibt es noch andere Gründe?
Woher kommt der Druck?
Auf "kirchlich“ kommt zur Schnelligkeit der postmodernen Lebensformen noch der Aspekt des Dienens dazu. Es geht doch um die gute Sache, den guten Zweck, wir machen das ja gern und freiwillig und so gut wie möglich. Schleicht sich da vielleicht doch ein kleiner Gedanke von Werkegerechtigkeit ein? Gott liebt mich nur, wenn ich genug leiste? Wenn ich alles richtig mache? Wenn ich an meine äußersten Grenzen gehe?
Ich habe an der – ehemaligen - „Diakonenschule Moritzburg“ studiert und dort wurde viel gedacht und diskutiert über den theologischen Begriff des „diakonus“. Der Diakon als Diener. Dienender. Aber auch: der oder die Helfende.
Wenn man es einmal soziologisch betrachtet, dann gilt: Einen Diener gibt es nur in Verbindung mit seinem Herrn, seinem König oder Herrscher. Dieser Statusunterschied definiert seine Rolle.
Im Theater sagt man: „Den König spielen immer die anderen“. Der Status und die Macht eines höher gestellten Wesens werden deutlich durch das Verhalten der anderen Mitspieler zu ihm. Der Beobachter sieht die ausführenden Diener und zieht Rückschlüsse auf ihren König. Viele dienende Diener, die emsig und fleißig alles abarbeiten, zeigen dem Beobachter auch ein bestimmtes Bild ihres Königs. Vielleicht hat der Beobachter das Bild eines strengen oder gründlichen oder angsteinflößenden Königs.
Und hier kommt uns die Monatslosung aus dem Markusevangelium kräftig in die Quere und kippt die Verhältnisse:
Der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele. Mk 10,45
Der König möchte uns dienen. Möchte uns die Füße waschen. Möchte unsere Fehler tragen. Möchte sich sogar für uns hingeben und Lösegeld für uns sein.
Ich finde das sehr beeindruckend. Mir gibt das Hoffnung und Freiheit. Vielleicht ist meine Lesart der Losung eindimensional und noch nicht zu Ende gedacht. Vielleicht irritiert uns dieser Wechsel der Perspektive und Blickrichtung auch zu sehr. Es hieße nämlich dann, nicht mehr angstvoll nach oben zu blicken, sondern liebevoll um sich. Aber was wäre wenn… dieser König tatsächlich uns dient?
Unsere Hoffnung
Welches Wort aus der Monatslosung spricht euch am direktesten an? Welches Wort berührt euch? Nehmt euch ein paar Minuten Pause von der Schleunigkeit und lest die Losung noch einmal ganz in Ruhe:
Der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele. Mk 10,45
Ich möchte euch einladen, euch von dieser - in meinen Augen - hoffnungstiftenden, alternativen und subversiven Monatslosung tragen zu lassen. Die Druckverhältnisse einmal umzukippen. Stets den dienenden Christus vor Augen zu haben.
Denn wenn der König immer von anderen gespielt wird… von welchem König dürfen wir dann erzählen?
Caroline Richter, Referentin für Interkulturelle Bildung und Kulturarbeit
Dresden, den 08.02.2012