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Monatsandachten

Oktoberandacht 2011 von Wolfgang Tost

veröffentlicht um 22.09.2011 07:04 von Ev.-Luth. Landesjugendpfarramt Sachsens Refereat Öffentlichkeitsarbeit   [ 22.09.2011 07:30 wurde aktualisiert. ]

"Wie kann ein Mensch gerecht sein vor Gott?" Hiob 4,17
 „Teile gerecht mit deinem Bruder“; „Sei gerecht zu deinem Bruder“
So spricht die Mutter zum älteren Bruder in einer Familie.
Gerechtigkeit wird in der Gemeinschaft eingefordert, weil es oft in ihr ungerecht zugeht; denn jeder sucht aufgrund seines Egoismus seinen Vorteil.
 
Der Mensch muss zur Gerechtigkeit erzogen werden, um in einer Gemeinschaft Frieden zu halten.
Wir wissen alle, dass wir persönlich nicht leicht Ungerechtigkeit verzeihen können; denn sie stört das eigene Leben und das der Gemeinschaft. Deshalb fordern wir Gerechtigkeit ein.
 
Der Wunsch und die Sehnsucht nach Gerechtigkeit sind dem Menschen angeboren. Verständlich, dass Hiob, der so viel Leid und Unglück in seinem Leben erfahren hat, nach Gerechtigkeit zu Gott schreit.
Wir dürfen Hiobs Reden auch nicht als vermessen und unerlaubt ansehen. Er, der nach Gottes Willen lebt, und für alles, was er und seine Kinder tun, schon vorher Gott um Gnade anfleht.
 
Er will mit seiner Familie vor Gott gerecht leben. Er weiß, Ungerechtigkeit zerstört die Gemeinschaft mit Gott wie auch mit den Menschen und zieht ein Strafgericht nach sich.
 
“ Wie kann ein Mensch gerecht sein vor Gott?“
Vorbildlich ist Hiob in seinem Leben im Glauben an Gott verankert, er kann sich mit seiner Familie an einem blühenden und auch äußerlich wohlhabenden Leben freuen, er tut viel (ge-)rechtes, bis ihn sozusagen aus heiterem Himmel ein Unglück nach dem anderen trifft und auf ihm lastet.
 
Und dann wird er selber noch schwer krank.
Wie kann das mit „rechten“ Dingen zugehen?
 
Hiob hält an Gott fest, aber klagt Gott doch zunehmend sein Leid, das er als große Ungerechtigkeit empfindet. Die Frage des Monatsspruchs, die Hiob von seinem Freund gestellt wird, der ihn besucht, als er krank war, und ihn stärken möchte, hat Hiob in der Situation nicht weitergebracht.
 
Erst zu einer späteren Zeit kann er offen werden für einen Zugang zu Gott, der nicht an ein uns Menschen so naheliegendes Zählen und Aufrechnen von dem, was wir schaffen oder verfehlen, gebunden ist.
 
„Wie kann ein Mensch vor seinem Gott bestehen?“ (Gute Nachricht)
Er kann es überhaupt nicht, er hat keine Chance, Gott sei Dank!
Wir Menschen haben nicht die geringste Chance, uns vor Gott für etwas zu rühmen, zumindest dann nicht, wenn wir es aufgrund einer eigenen Leistung tun wollen.
Wir können vor ihm nicht bestehen, auch wenn wir die Frommsten der Frommen und die Sozialsten der Sozialen wären und uns sogar noch so verhalten würden. Dass wir vor Gott bestehen, das können wir nicht selbst tun. Dass wir trotzdem vor Gott bestehen, liegt allein an Gott selbst und niemals an uns.
Weil er jeden von uns völlig unverdient liebt und annimmt, weil wir seine geliebten Kinder sind, deshalb haben wir und unser Leben Bestand vor ihm.
 
Kinder, die sich die Liebe ihrer Eltern erarbeiten müssen, führen an dieser Stelle letztlich ein armseliges Leben und werden scheitern, weil Liebe immer nur geschenkt und nie durch eigene Anstrengung erworben werden kann.
 
Menschen, die schon als Kinder die bedingungslose Liebe durch ihre Eltern erfahren haben, gehen mit einem großen Vorschussgeschenk durchs Leben. Sie können es leichter annehmen, dass sie auch von Gott so bedingungslos geliebt sind und dass sie auch diesen Gott nicht durch eigene Leistungen beeindrucken müssen.
 
Er liebt uns, „nicht weil wir gut sind, sondern weil er Gott ist“ (Richard Rohr), und von dieser Liebe kann uns nichts trennen (Römer 8, 35 ff).
 
„Wie kann ein Mensch gerecht sein vor Gott?“
So fragt Elifas Hiob.
Hiob ist umfangen von Schmerz und Trauer.
 
Nicht genug, dass er seinen Besitz verloren hat und viele seiner Bediensteten gestorben sind. Nein, er hat auch noch seine Kinder bei einem schrecklichen Unglück verloren. Nun ist er selbst krank, über und über mit Geschwüren übersät.
 
Anfangs konnte er noch tragen, was fast nicht zu ertragen ist.
Ich sehe ihn vor mir, weinend am Grab der Kinder. Wie soll er noch weiterleben?
Er sucht Gott in seinem Leben - und findet ihn. „Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen", sagt er.
 
Er trauert. Viel Kraft hat ihn diese Antwort sicherlich gekostet. Aber es ist sein Glaube. Niemand könnte ihm diese Worte als Zuspruch sagen. Nur er selbst kann diese Antwort für sich finden. Und das hilft ihm, weiterzuleben.
 
Zaghaft, verletzlich mag er gewesen sein in der ersten Zeit nach dieser Katastrophe. Abgemagert, dünnhäutig. Und nun wird er krank. Er hat keine Kraft mehr, will nicht mehr weiterleben, findet keine Erklärungen mehr, lässt sich nicht mehr trösten. Er kann nicht mehr weiter. „Verflucht sei der Tag, an dem ich geboren bin."
 
Sein Freund Elifas hält ihm mitten in dieser Verzweiflung diesen Satz entgegen:
 
„Wie kann ein Mensch gerecht sein vor Gott?"
Hiob soll sich selbst prüfen und entdecken, wo er etwas falsch gemacht hat, denn nach Elifas' Meinung ist Hiob selbst schuld an dem Unglück, das ihn getroffen hat.
Krankheit, Verlust der Kinder, des Eigentums - eine Strafe oder Zeichen mangelnden Glaubens.
Unglaublich finde ich das, zynisch. Im Moment des tiefsten Leides unterstellt Elifas Hiob, er habe es selbst verschuldet. Oft habe ich das schon in der Seelsorge gehört: „Bitte sagen sie mir, was habe ich getan, dass ich jetzt so leiden muss?"
 
Auch da schwingt oft die Überzeugung mit, dass man das, was man erleidet, auch irgendwie verdient haben muss.
Oder ich denke an die Menschen, die alle ihre Hoffnung auf das Gebet eines Glaubenden setzen, der von vielen Wunderheilungen erzählen kann. Doch sie selbst werden nicht gesund. „Wahrscheinlich habe ich nicht genug geglaubt", sagen sie sich häufig, oder „das ist meine eigene Schuld, dass ich immer noch krank bin."
Bin ich vor Gott schuldig oder gerecht?
 
Vielleicht fragen wir heute anders nach der Zuneigung oder Anerkennung durch Gott. Doch hinter dem Versuch, eigenen Ansprüchen oder den Ansprüchen anderer gerecht zu werden, steckt genau die dringende Frage: „Wie kann ich vor Gott gerecht werden?"
Viele Menschen stellen sehr hohe Ansprüche an sich und leben dafür, diesen in möglichst perfekter Weise gerecht zu werden. Das führt oft zu einer heillosen Selbstüberforderung.
 
Darauf reagieren Menschen unterschiedlich. Manchmal geben wir den Druck an unsere Kinder weiter,
manchmal merken wir an ständigen Kopfschmerzen, dass etwas nicht stimmt oder wir spüren eine andauernde Unzufriedenheit. Nicht wenige Menschen geraten so in den Burn-out.
Auch Martin Luther ist fast verrückt geworden bei dem Versuch, sich die Gerechtigkeit, die Anerkennung und die Liebe Gottes durch besondere Anstrengung zu verdienen. Aufgrund von Gewissensskrupeln und Glaubenszweifeln wählte er den Weg ins Kloster, um durch gute Werke und Bußübungen vor Gott gerecht zu erscheinen. Durch sein Gebetsleben und durch sein Bibelstudium gelangte er zur Erkenntnis, dass kein Mensch vor Gott gerecht erscheinen kann. Vielmehr erfuhr er durch das rechte Verständnis des Evangeliums von Jesus Christus und seinem Kreuzestod, dass Gott dem Menschen seine Gerechtigkeit zuweist, also schenkt.
 
Gott allein bringt das Verhältnis des ungerechten Menschen, der an ihn glaubt, mit sich in Ordnung. Der so gerechtfertigte Mensch darf leben und handeln.
Für Hiob und seine Freunde war die Erkenntnis der schenkenden Gerechtigkeit Gottes, die er dem Glaubenden durch Christus zuweist, fremd und unbekannt.
 
Zurück zu Hiob:
Manchmal ist es schwer, Gott zu begreifen.
Wenn es uns schlecht geht, brauchen wir Menschen, die uns den Blick auf einen liebevollen Gott offen halten, die nicht beschuldigen und vorschnelle Antworten geben. Sie sollen zuhören, solidarisch sein, uns mit unserer Trauer annehmen. Wir sind Kinder Gottes, die nicht aus eigener Kraft gerecht sein müssen.
 
Du bist ein Kind Gottes. Er ist dir jetzt nahe. Er weiß, was Leid ist.
 
Vielleicht können wir gerade nicht verstehen, wieso und warum die Dinge so und nicht anders sind. Aber die Frage nach der Schuld dürfen wir getrost dem überlassen, der für unsere Schuld am Kreuz gestorben ist – Jesus Christus.
 
Anregungen:
  • Gerechtigkeit erhöht ein Volk, aber die Sünde ist der Leute Verderben
  • Gerechtigkeit vor Gott bedeutet Sündenerkenntnis und Sündenbekenntnis
  • alles Gute ist und bleibt Gnade – die Erkenntnis: Ich habe es nicht verdient!
  • Im Buch Daniel steht: Wir liegen vor dir im Gebet und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine Barmherzigkeit
  • menschliche Gerechtigkeit ist total gnadenlos, wenn unser Denken zum Maßstab wird
  • Christen sind das Salz der Erde, nicht die Zuckerwatte

Februarandacht 2011 von Lutz Scheufler

veröffentlicht um 02.03.2011 00:46 von Ev.-Luth. Landesjugendpfarramt Sachsens Refereat Öffentlichkeitsarbeit   [ 02.03.2011 00:56 wurde aktualisiert. ]

 Prioritäten setzen

Ein Lehrer stellte ein großes Glas - gefüllt mit Golfbällen - vor seine Schüler.
Er fragte: „Ist das Glas voll?“ - „Ja“ kam als Antwort.
Daraufhin schüttete er eine Hand voll Kieselstein in das Glas und rüttelte, bis sie alle im Glas verschwunden waren.
 Er fragte: „Ist das Glas voll?“ - Antwort: „Ja“
Dann schüttete er Sand hinein, der in die Zwischenräume rieselte.
Er fragte erneut: „Ist das Glas voll?“ - „Ja“
Nun schüttete er noch zwei Tassen Tee in das Glas und die Schüler lachten.
Der Lehrer sagte: „Dieses Glas ist Euer Leben. Die Golfbälle sind die wichtigsten Dinge im Leben, die ein erfülltes Leben ausmachen: Familie, Gesundheit, Freunde...
Die Steine sind wichtige Sachen, wie Job, Haus und Auto... Der Sand ist alles, was nicht wichtig ist.
Wenn ihr den Sand zuerst einfüllt, bleibt kein Platz mehr für die Steine und Golfbälle.
So ist es auch im Leben. Wer seine Lebenszeit mit Unwichtigem vergeudet, hat keine Zeit mehr für die wirklich wichtigen Dinge des Lebens.

Jesus - der größte aller Lehrer - hat auch von den Golfbällen, von den wichtigsten Dingen gesprochen: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst« (Lk. 10,27)
 
In der Schulklasse hob eine Schüler die Hand und fragte den Lehrer: „Was haben denn die zwei Tassen Tee zu bedeuten?“ Der Lehrer sagte schmunzelnd: „In einem ausgefüllten Leben ist immer noch Platz für zwei Tassen Tee mit einem Freund.“

Novemberandacht 2010 von Caroline Richter

veröffentlicht um 25.11.2010 02:03 von Ev.-Luth. Landesjugendpfarramt Sachsens Refereat Öffentlichkeitsarbeit   [ 25.11.2010 02:33 wurde aktualisiert. ]

„Gott spricht Recht im Streit der Völker,
er weist viele Nationen zurecht.
Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwerten
und Winzermesser aus ihren Lanzen.“ Jes.2,4

 „Gott spricht Recht im Streit der Völker, er weist viele Nationen zurecht.“

Im Kirchenjahr ist diese Losung auch Text für die Friedensdekade, welche gerade zu Ende gegangen ist. Die Friedendekade entstand vor 30 Jahren mitten in der Anspannung und Aufrüstung während des Kalten Krieges.
Im Jahr 2010 lautete das Thema der Friedensdekade „Es ist Krieg- entrüstet euch“.

Mancher mag sich fragen, welcher Krieg gemeint ist. Wie nah ist uns denn Afghanistan und Irak? Das hören wir doch nur in den Nachrichten. Das ist für Menschen in meinem Alter weit weg.
Und „Abrüsten“? Gerade will doch die Bundesregierung den Bundeswehrdienst abschaffen, ist das nicht eine gute Richtung zur Abrüstung durch Verminderung der Streitkräfte? Die direkte Gefahr für uns selbst ist also weit weg, der Streit der Völker ist weit weg. Geht uns das wirklich was an?

„Gott spricht Recht im Streit der Völker“

„Recht sprechen“ im alttestamentlichen Verständnis ist normalerweise die Aufgabe des Königs: Dieser soll als Statthalter Gottes auf Erden für Verhältnisse sorgen, in denen die Umsetzung der göttlichen Vorgaben im irdischen Leben ermöglicht wird[1], Verhältnisse, in denen „Gerechtigkeit“ ermöglicht werden kann.

Hier aber soll Gott Recht sprechen - selbst dem König wird die Aufgabe entzogen, bei einer so heiklen und doch so ursprünglich politischen Situation des „Streits der Völker“ über Recht und Unrecht zu entscheiden. Die Situation scheint sich so sehr zugespitzt zu haben, dass Menschen nicht mehr urteilsfähig sind. Selbst ein König weiß nicht mehr, ob er im Krieg gerecht handelt?

„Gott spricht Recht im Streit der Völker“
 
Woran denken wir heute noch beim „Streit der Völker“? Denken wir an kriegerische Auseinandersetzungen? An Bürgerkriege? Oder an Politiker aus aller Welt, die beim G20-Gipfel, um eine Finanz- und Wirtschaftsreform „streiten“- nicht mit Waffen, sondern mit Macht durch Beziehungen und Geld?
Der deutsche Bundesinnenminister Thomas de Maiziére spricht seit zwei Wochen offen über die Terrorwarnungen für Deutschland und ruft die Bevölkerung zur verstärkten Wachsamkeit auf. Seit diesen Terrorwarnungen werden überall im Land Polizeistreifen verstärkt, Flughafenkontrollen verschärft und die Luftfracht strenger kontrolliert - sicherlich sind euch auch die vielen Maschinengewehre an den Bahnhöfen aufgefallen… Eine Bedrohung liegt in der Luft.

Ist das unsere neue Realität? Polizisten und Militär beschützen die Bevölkerung, geladene Maschinengewehre gehören zum Straßenbild, an das man sich allmählich gewöhnt…?
In vielen Ländern ist dies bereits Alltag.
Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel spricht über die Terrorismusbedrohung als „Psychokrieg gegen Deutschland“ mit der „Psychowaffe Dauerangst“ - und von der „Geduld als Kerntugend eines ‚Gotteskriegers‘“[2]



Kennen wir heute noch den „Streit der Völker“, haben wir wirklich Angst vor anderen Völkern? Oder vielmehr vor Einzelpersonen und extremen Gruppierungen? Einzelgruppen, die sich über Lebenseinstellungen und Religion, nicht aber über Staatsgrenzen definieren?

„Gott spricht Recht im Streit der Völker“

Und was, wenn man sich noch nicht einmal über den einen Gott sicher sein kann?
Was, wenn sogar Gott als Grund des Zusammenpralls herhalten muss?

„Gott spricht Recht im Streit der Völker, er weist viele Nationen zurecht.“

Der Begriff „clash of civilizations“ oder „clash of cultures“, also der Streit und das Zusammenprallen von Kulturen, ist durch den Politikwissenschaftler Samuel Huntington bekannt geworden. Dieser Begriff beschreibt Kulturen, die nicht nebeneinander leben können, sondern aufeinander losgehen.

Hier möchte ich an eine andere öffentliche Debatte erinnern: seit September diesen Jahres spukt der Name „Sarrazin“ durch Zeitungsüberschriften, Talkshows, Diskussionen und leider durch zu viele Köpfe. Er hingegen spricht nicht von Einzelpersonen oder Netzwerken, die zur Bedrohung werden, sondern von ganzen Kulturen und Völkern.

Was denkt ihr beim Begriff „Kopftuchmädchen“ und „Ausländerkriminalität“? An Berlin-Neukölln, an Gangs und Jugendkriminalität? Und vielleicht habt auch ihr das Gefühl, dass das von Dresden sehr weit weg ist…?
Dieses Gefühl trügt.
Der Alltag verschiedener Kulturen, die aufeinanderprallen ist für uns nicht weit weg. Orte, an denen etwas „aufeinanderprallt“, wo extreme Gewalttaten begangen werden.

Dazu möchte ich zwei Beispiele erzählen:
 
Jeden Morgen steige ich an der Haltestelle Sachsenallee in Johannstadt in die Straßenbahn.
Gegenüber ist das Landgericht Dresden.
Im Juli 2009 wurde genau hier die Ägypterin Marwa El-Sherbini während einer Gerichtsverhandlung ermordet. Sie war schwanger und wurde vor den Augen ihres Ehemanns von einem jungen deutschen Mann erstochen.
 
Vor diesem Gericht an der Sachsenallee also stehe ich jeden Morgen. Ich sehe Menschen, die zur Arbeit gehen und Jugendliche, die zur Schule fahren.
Einen so hinterhältigen Mord kann ich mir hier einfach nicht vorstellen.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein übereifriger Nationalist die Professorin Marwa El-Sherbini als „Schlampe“ beschimpfte, bevor er sich mit 18 Messerstichen tötete. ich kann mir nicht vorstellen, dass die heraneilenden Polizisten auf El-Sherbinis Ehemann schossen und nicht auf den eigentlichen Täter. Dieser nämlich war blond und sah so deutsch aus. Aus Instinkt und im Tumult schossen die Polizisten auf den ägyptischen Fremden. Der dreijährige Sohn des Ehepaars musste zusehen, wie sein Vater angegriffen und seine Mutter erstochen wurde.
 
Die Medien bezeichneten Deutschland daraufhin als „am Rande Kulturkampfs“ (Zitat „Die Zeit“). Professor Donsbach von der TU Dresden schreibt zur Trauerfeier El-Sherbinis einen Mahnbrief an Bevölkerung und Politiker: „Dresden- wache auf!“
[3]
 
Leipzig im Herbst 2010. Vor zwei Wochen lief ich vom Hauptbahnhof in die Innenstadt. An einer eher unbelebten Straßenecke, vor einem Ladenschaufenster, sah ich plötzlich unzählige rote Grabeskerzen leuchten. Blumen und Fotos waren abgelegt worden. Ich begriff nicht gleich, wer hier in dieser dunklen Ecke verstorben war. Einige Tage später berichtete die Zeitung von dem Mord an einem jungen Iraker. Mitten in der Innenstadt, an einem Samstagabend von zwei jungen Deutschen niedergestochen.
 
Ist das alles so weit weg?
Hat es nichts mit meinem Leben zu tun, wenn ich täglich an diesen Orten vorbeigehe? Wie gut kann man das verdrängen und abstrahieren?
Die Täter waren Deutsche, die Opfer „Menschen mit Migrationshintergrund“.
 
„Gott spricht Recht im Streit der Völker, er weist viele Nationen zurecht.“
 
In der aktuellen Integrationsdebatte sind vor allem diese Zahlen interessant: Es gibt in Deutschland mehr Auswanderer als Einwanderer. Aus der Türkei kommen jährlich 30.000 Einwanderer, es gibt jedoch 40.000 Auswanderer in die Türkei. Andere wandern nach Polen, in die Schweiz oder USA aus. Dieser sogenannte „Wanderungsüberschuss“ betrug im Jahr 2009 13.000 Menschen.
 
Haben wir es also etwas übertrieben mit der starken Abgrenzung gegenüber „andere Kulturkreisen“? Fühlt sich da jemand nicht willkommen? Die aktuellen Diskussionen klingen für mich nach Übertreibung in eine irreführende Richtung.
 
Doch anstatt mehr Gerechtigkeit zu fordern und umzusetzen, wird der Graben vertieft. Werden Meinungen anhand populistischer Thesen noch weiter polarisiert.
„Gott spricht Recht im Streit der Völker“….
 
Warum reagieren so viele unsere Mitmenschen auf diese Meinungsmache, auf die angebliche „Bedrohungen durch andere Kulturen“?
Ich denke, dem zugrunde liegt ein Gefühl tiefer Verunsicherung, ein Gefühl der Bedrohung, Menschen in Verunsicherung haben ein hohes Verlangen nach Sicherheit und Schutz.
Dieses Sicherheitsbedürfnis, vielmehr dieser Instinkt hat in der in der Menschheitsgeschichte zu verschiedenen Konsequenzen geführt:
Wer sich schützen will, lernt sich zu verteidigen- mit Waffen.
 
Der Prophet Jesaja schreibt weiter:
 
„Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwerten und Winzermesser aus ihren Lanzen.“
 
Wie schützen wir uns, wie verteidigen wir uns heute?
Beschreibt der Prophet noch „Schwert“ und „Lanze“ als politische Verteidigungsinstrumente gegen den Feind, kennen wir heute eher Überwachungskameras, Körperscanner, massenhafte Speicherung von persönlichen Daten.
 
Das ist unser Ist-Zustand. Deutschland 2010.
 
In alttestamentlichen Zeiten waren Propheten oft die Kritiker der Regierung, sie sind sozusagen eine antike Opposition: Sie kritisieren den herrschenden Ist-Zustand.
Sie kämpfen auch noch für etwas anderes, sie fordern den Soll-Zustand: sie rufen zu Umkehr auf.
Erst wenn sich der Einzelne und dann das Volk in ihrem Verhalten, ihrer Lebenseinstellung ändern, wird Gott sie vom Strafgericht verschonen.
„Leute, seht euch an und kehrt um!“ - „Dresden, wache auf“
 
Der Prophet sieht aber auch Alternativen. Er moralisiert nicht nur, er bietet Ideen zur Umkehr.
Was also ist die Vision, was passiert mit den Waffen der Menschen?
Sie werden umgedeutet und kreativ umgebaut.
 
„Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwerten und Winzermesser aus ihren Lanzen.“
 
Die Schwerter nicht mehr genutzt um Menschen zu zerteilen, sondern Felder zu pflügen und den Ackerboden zu teilen.
Die Lanzen nicht mehr zum Aufspießen oder „Flagge zeigen“ um sich abzugrenzen vom Feind, sondern als Winzermesse rum Wein zu ernten. Wein, der genussvoll und in Gemeinschaft zu sich genommen werden kann!
 
Wie können wir die „Waffen“ umdeuten und kreativ umbauen?
Ich denke, die Umdeutung heißt übersetzt zum einen: die Energie des Tötens wird in gemeinsame körperliche Arbeit umgewandelt, und zum zweiten: nicht Verteidigung des Eigenen, sondern Gemeinschaft mit anderen.
 
Kann das etwas für unsere Arbeit mit jungen Menschen bedeuten?
Einige Stichworte dazu, die uns gar nicht so fremd sind, könnten heißen:
  • gemeinsam an etwas arbeiten
  • jemandem etwas anvertrauen, auch einem noch etwas Fremden
  • Gemeinschaft erleben
  • zusammen feiern
  • miteinander reden und lachen
  • Gästen die Tür nicht verschließen, sondern sie weit öffnen
  • oder auch: durch offene, einladende Türen gehen lernen - auch mal zu einem leckeren türkischen Tee oder russischem Konfekt…
„Gott spricht Recht im Streit der Völker, er weist viele Nationen zurück.
Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen.“
 
Ein Trostpflaster gibt uns der Prophet noch. Wenn wir uns nicht persönlich ändern können, kann Gott manchmal sogar die Politik nutzen. Vielleicht schon sehr bald. Auch wenn der Grund für die Politiker ein anderer sein mag, kann es uns alle schneller zur Umkehr und zum Ziel führen.
 
Der nächste Vers in Jesaja heißt nämlich:
 
„Kein Volk wird mehr das andere angreifen; und niemand lernt mehr, Krieg zu führen.“
 
Caroline Richter, 23.11.2010
 
 

(1) vgl. Viertel, Matthias: Grundbegriffe der Theologie, Herder Verlag 2005, S.177

(2) http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,729664,00.html

(3) www.donsbach.net/blog/wp-content/uploads/2009/07/dresden-problem.pdf

Novemberandacht 2010 von Harald Bretschneider

veröffentlicht um 01.11.2010 04:58 von Ev.-Luth. Landesjugendpfarramt Sachsens Refereat Öffentlichkeitsarbeit   [ 25.11.2010 02:29 wurde aktualisiert. ]

"Gott spricht Recht im Streit der Völker, ER weist viele Nationen zurecht.
"Gott spricht Recht im Streit der Völker, ER weist viele Nationen zurecht.
Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser
aus ihren Lanzen"
(Jesaja 2.4)

 Viele haben dieses Bibelwort seit der ersten Friedensdekade 1980 noch im Ohr. Wörtlich steht da: "Und Gott wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen." Viele erinnern sich noch an das Lesezeichen 1980 und den Aufnäher der Friedensdekade 1981 mit den Abbildungen der russischen Plastik. Das Lesezeichen legten viele in ihre Schulbücher. Der Aufnäher wurde öffentlich sichtbar auf die Jackenärmel genäht. Das führte zu großen Diskussionen. Jugendliche protestierten damit gegen die tödlichen Massenvernichtungswaffen in aller Welt und die zunehmende Militarisierung in der DDR. Sie hatten Angst, dass sie im Ernstfall mit ihrem Leben bezahlen müssen.

Viele Lehrer in den Schulen und Polizisten auf den Straßen nötigten die Träger mit allen Mitteln zur Entfernung der Aufnäher. Heute wissen wir: Sie handelten auf die Anordnung des Ministers für Staatssicherheit. Er wollte das öffentliche Tragen von "textilen Aufnähern mit pazifistischer Aussage" unterbinden. Die Träger der Aufnäher würden "ihre oppositionelle Haltung, insbesondere zur sozialistischen Verteidigungspolitik offen zum Ausdruck bringen." Wenn diese Aufnäher nicht entfernt wurden, erfolgten Schulverweise, Kündigungen von Lehrverträgen, Entzug des Studienplatzes u.a. Oft wurde der Aufnäher sogar aus dem Ärmel geschnitten.
 
Es war atemberaubend, wie besonders junge Menschen mit dem Zeichen "Schwerter zu Pflugscharen" das Friedenszeugnis der Bibel so ins Gespräch gebracht haben, dass Menschen in den Schulen und auf der Straße darüber zu sprechen begannen.

Bis heute bewegt es mich, wie besonnen und reif Jugendliche um ihres Friedenszeugnisses willen Schwierigkeiten auf sich nahmen, ja sogar zu leiden bereit waren. Sie haben gegen alle Resignation unverdrossen versucht, dem christlichen Friedenszeugnis Hände und Füße zu geben.

Trotz aller staatlichen Schikanen wurde der Aufnähers zum Zeichen der Friedensbewegung. Der Ruf "Keine Gewalt", der auf den Scherpen der Ordnungskräfte stand, die die Demonstrationen im Oktober 1989 begleiteten, ist von den Propheten Jesaja und Micha abgeleitet.

Es war also die Kraft des Bibelwortes, die die Diktatur ins Wanken brachte. Es war die "prophetische Vision", die zur "Friedlichen Revolution" führte.

Die Idee zur Friedensdekade schenkte mir Gott, als ich mich mit der geschichtlichen Situation befasste, in der die Propheten Jesaja und Micha diese Vision dem König Hiskia von Juda vortrugen.

Es war wahrlich keine leichte Zeit. Die Krise war 701 v. Chr. perfekt. Das großartig befestigte Jerusalem wurde von dem assyrischen König Sanherib mit militärischer Übermacht belagert. Die Landeshauptstadt sollte ausgehungert werden, weil ihre Stadtmauern selbst für Assyrer schwer zu stürmen war. Sanherib schien sich dabei köstlich zu amüsieren. In seinen Annalen ist bis heute zu lesen: "Ich machte den Hiskia zum Gefangenen in seiner königlichen Residenz, wie einen Vogel im Käfig."

In solchen Krisenzeiten hat es ein Regierungschef sehr schwer. Minister und Berater erteilen die unterschiedlichsten Ratschläge. Sie reichten von der Erhöhung der Verteidigungskraft bis zum einer neuen Bündnispolitik.

In dieser Situation sagen Micha und Jesaja im Auftrag Gottes dem Hiskia: "Wascht euch, lasst ab von dem Bösen, lernt Gutes tun und trachtet nach Recht... (Jes. 1,16-20) ...Gott wird richten die Heiden und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen..." (Jes..2,4)
Traumhaft diese Vorstellung! Aber in dieser Situation war dieser Rat selbst für Gutmütige ein "frommer Traum" Für politisch Verantwortliche war es "Wehrkraftzersetzung" und "Landesverrat". Darauf stand die Todesstrafe.
 
Aus persönlichem Glauben und daraus erwachsender politischer Klugheit folgte der Königs Hiskia dem prophetischen Wort. Er tat Buße und ließ die andersdenkenden Propheten weder töten, noch einsperren. Das war so bemerkenswert, dass der Prophet Jeremia in Jer. 26,18 ff. einhundert Jahre später daran erinnerte und riet, ebenso zu verfahren. "Hiskia ließ Micha nicht töten. Vielmehr fürchtete er den Herrn und flehte zu ihm. Da reute den Herrn das Übel..."

Um 701 v. Chr. aber konnte der König Hiskia, die Propheten und das ganze Volk feststellen, dass die Angriffe der Assyrer weniger wurden. Teile des Heeres schlugen ihre Zelte zusammen und zogen von dannen. Die Pest war im assyrischen Heer ausgebrochen. Das Wort Gottes hatte sich wieder einmal bewahrheitet.

Gott sei Dank! In Deutschland mussten wir seit 65 Jahren keinen Krieg mehr erleben. Aber es gibt aktuell viele Kriege und kriegerische Auseinandersetzungen, bei denen täglich Zivilisten und bewaffnete Soldaten sterben. Präsident Obama hat kürzlich in Bezug auf den siebenjährigen Krieg im Irak bilanziert: Mehr als 4000 US-Soldaten sind gefallen. Die Zivilisten sind ungezählt. Mehr als eine Billion Dollar wurden "verpulvert". Sie fehlen auch in der Wirtschaft des eigenen Landes.

Deutsche Soldaten sind in Afghanistan im Einsatz! Nicht nur die Angehörigen zittern um ihre Söhne und Töchter. Wir hoffen, dass sie überhaupt lebend und möglichst ohne körperliche und seelische Verletzungen zurück kommen. Aber wir haben schon mehr als 40 Tote zu beklagen. Wir ahnen und wissen, das diese Konflikte nicht mit Waffen zu lösen sind.

Insofern lohnt es, vom 7. - 17. November 2010 die Friedensdekade zu begehen, die sich zum dreißigsten Mal jährt. Sie wird jetzt im vereinten Deutschland unter dem Thema: Es ist Krieg! Entrüstet euch" gehalten. Es bleibt zu hoffen, dass das prophetische Wort von den "Schwertern zu Pflugscharen" auch heute Kraft zur Befriedung der Welt entfaltet.

Harald Bretschneider

Oktoberandacht 2010

veröffentlicht um 29.09.2010 06:48 von Ev.-Luth. Landesjugendpfarramt Sachsens Refereat Öffentlichkeitsarbeit   [ 29.09.2010 07:00 wurde aktualisiert. ]

„Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgetan und niemand kann sie zuschließen.“
Offb3,8

 Herzlich Willkommen – bitte, treten Sie heraus!

Eine offene Tür bietet die Einladung, hindurch zu gehen und ist ein Zeichen der Gastfreundschaft.
Ich denke an den Brauch, dass der Bräutigam seine Braut über die Schwelle trägt, wenn sie zum ersten Mal das gemeinsame Haus betreten.

Durch Türen oder Tore zu gehen, bedeutet manchmal, einen neuen, einen wichtigen Schritt zu tun.
Bitte treten Sie heraus! Aus dem Gefängnis und dem, was uns gefangen hält; aus der Enge, aus den althergebrachten Gewohnheiten; aus allem bisher Verschlossenem. Willkommen.
Eine offenen Tür, die niemand zuschließen kann. In bestimmten Situationen ist das eine nicht unwesentliche Angelegenheit.

Dieser Bibeltext ist im ersten Jahrhundert zu Zeiten der Christenverfolgung entstanden. Offenes Bekenntnis zu Jesus Christus war schwer. Der Verfasser schreibt aus dem Gefängnis.

Und doch gab es offene Türen herauszugehen, um apostolisch zu wirken. Freien Raum, Chancen und Möglichkeiten, den kraftvollen Glauben an Jesus Christus in seiner Vielfalt zu bezeugen. I
m Laufe der folgenden Jahrhunderte bis hinein in die Neuzeit wurde und wird diese „offenen Tür“ genutzt. In unserem Text zuerst von der Gemeinde in „Philadelphia“. Ein Bild einer Gemeinde, die nur mit einer kleinen Kraft ausgerüstet ist, die seine Worte bewahrt und seinen Namen nicht verleugnet hat - gerade in Zeiten, wo es nicht leicht ist, sich zu Gott zu bekennen. Der Herr kennt ihre Werke.

Ich denke zurück in die jüngste Vergangenheit, die sächsische Jugendarbeit in der Zeit der DDR. Was hat der Staat mit seinen Organen nicht alles unternommen, um zu unterbinden, zu schließen, zu verbieten, die Jugendarbeit zu sanktionieren.

Und doch gab es diese offene Tür. Diese Tür, die niemand zuschließen kann.

Es gab freien Raum für „apostolisches Wirken“, für Bekenntnis und Engagement. Wenn etwa Rüstzeiten verboten waren, wurden eben Exerzitien durchgeführt. Vieles ging auf den ganz persönlichen Einsatz einzelner Personen, egal ob hauptamtlich oder ehrenamtlich tätig, zurück. Missionarischen, diakonisches Wirken, alle Lieder und Gebete, alle Aktion in Sachen Umwelt und Gerechtigkeit führten dazu, dass Menschen zur Gemeinde und zur Erkenntnis Gottes fanden.

Dieser Spruch ist uns für den Monat Oktober und darüber hinaus zugesagt.
Eine offene Tür, die Möglichkeit, mit unserer kleinen Kraft herauszutreten in die Weite, um den Glauben an Jesus Christus in seiner Vielfalt zu bekennen.

Nehmen wir die Chancen der heutigen Zeit wahr, im Namen Gottes unterwegs zu sein.

Herzliche Willkommen – Bitte treten Sie heraus!

„Nach ihrer Ankunft in Antiochien versammelten sie die Gemeinde und berichteten, welch große Dinge Gott durch sie gewirkt und dass er den Heiden die Tür zum Glauben geöffnet hatte.“
Apg 14,27

Andacht zum Johannistag

veröffentlicht um 12.03.2010 07:37 von Christiane Thomas   [ aktualisiert 25.11.2010 02:31 von Ev.-Luth. Landesjugendpfarramt Sachsens Refereat Öffentlichkeitsarbeit ]

 nach Lukas 1, 57-66

 Und für Elisabeth kam die Zeit, dass sie gebären sollte und sie gebar einen Sohn.
Und ihre Nachbarn und Verwandten hörten, dass der Herr große Barmherzigkeit an ihr getan hatte, und freuten sich mit ihr.

Elisabeth: Die Freude war wirklich groß.
Plötzlich, aus heiterem Himmel, waren da andere Umstände - und ich war in guter Hoffnung.
Zumal, in meinem Alter, und wo doch alle dachten, dass es zwischen Zacharias und mir nichts mehr werde mit solch freudigen Ereignissen.
Es hieß vorher, es hätte an mir gelegen.
Gewiss, gebetet hatte ich genug, und Gott angefleht, er solle doch die Schmach der Kinderlosigkeit beenden.
Das Gerede der Leute war manchmal kaum auszuhalten.
Wie der Stolz der jungen Mädchen, wenn sie mit ewigem Grinsen ihre dicken Bäuche zur Schau trugen.
Ich habe gehofft, Gott könnte es doch so arrangieren wie damals bei Abraham und Sarah, die war ja auch schon alt.
Aber wer hat denn wirklich daran geglaubt, dass es noch etwas wird mit dem Kind.
Und wenn doch - dass es gesund auf die Welt kommt.
Und eine Mutter hat.
Die Freude also war groß. Und die Dankbarkeit.


Und es begab sich am achten Tag, da kamen sie, das Kindlein zu beschneiden, und sie wollten es nach seinem Vater Zacharias nennen.

Aber seine Mutter antwortete und sprach:

Elisabeth: Nein, er soll Johannes heißen.

Und sie sprachen zu ihr: Ist doch niemand in deiner Verwandtschaft, der so heißt.

Elisabeth: Muss man immer das tun, was die anderen erwarten?
Viel hatte ich mir dabei gar nicht gedacht, es ist mir einfach so herausgerutscht.
Es war, als hätten sich meine Lippen von selbst bewegt.
Johannes heißt: Der Herr ist gnädig.
Und das stimmt ja auch.

Und sie winkten seinem Vater, wie er ihn nennen lassen wollte.
Und er forderte eine kleine Tafel und schrieb:

Zachäus: schreibt
Er heißt Johannes.

Und sie wunderten sich alle.

Elisabeth: Auch ich habe mich gewundert.
Wobei mir nicht ganz klar war, worüber sich die Leute mehr wunderten:
Dass ein Mann auf seine Frau gehört hat oder dass auch er den Name seines Sohnes gegen alle Gepflogenheiten auswählte.
Ich hätte damals Zacharias gerne gefragt, warum.
Aber der war ja immer noch sprachlos.
Seit er von meiner Schwangerschaft wusste und er das nicht glauben konnte, hat es ihm die Sprache verschlagen.

Und sogleich wurde sein Mund aufgetan und seine Zunge gelöst, und er redete und lobte Gott.

Zachäus: Gebetet hatte ich schon lang, dass es noch etwas werde mit einem Kind für Elisabeth.
Am liebsten einen Jungen.
Einen, der für uns sorgt, wenn das bei uns mal nicht mehr so klappt.
Einen, der das Leben, die Familie und den Namen weiter trägt.
Einen, der ein Retter sein kann und uns rettet aus dem Alltag unserer Zweisamkeit.
Als es dann soweit war, wollte ich es einfach nicht glauben.
Mein Staunen war groß, meine Zweifel waren größer. 
Aber jetzt konnte ich nur noch froh sein. Jetzt kamen andere Fragen:

Elisabeth: Was wohl aus dem Kind werden wird?

Zachäus: Wenn er redet, wo andere schweigen.

Elisabeth: Wenn er aufsteht, wo andere gemütlich sitzen.

Zachäus: Wenn er kämpft gegen alles Korrupte.

Elisabeth: Wenn er Eingefahrene zum Kurswechsel drängt.

Zachäus: Wenn er sich anlegt mit all den Besserwissern und Gelehrten.

Elisabeth: Wenn er Reichen vom Teilen erzählt.

Zachäus: Wenn er Kriegern vom Frieden berichtet.

Elisabeth: Wenn er dem König die Wahrheit sagt.

Zachäus: Wenn der dem Herrn das Wasser reicht.

Und es kam Furcht über alle Nachbarn; und diese ganze Geschichte wurde bekannt auf dem ganzen Gebirge Judäas.

Und alle, die es hörten, nahmen es zu Herzen und sprachen: Was, meinst du, will aus diesem Kindlein werden? Denn die Hand des Herrn war mit ihm.
 
 
Tobias Petzoldt
Jugendbildungsreferent

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