Monatsandacht
Eigentlich könnte die Andacht sehr kurz ausfallen. Mit dem Vers aus dem 5. Buch Mose ist doch alles gesagt, oder? Der Punkt ist wie so oft, wir müssen das, was dort steht, auch tun. Dieser Vers ist schon ziemlich alt, und unsere Lebenswelt ist ganz sicher heute anders als die der Israeliten, an die diese Worte zuerst gerichtet wurden. Unser Gott allerdings ist immer noch derselbe, und seine Werte sind auch in unserer Lebenswelt gültig. Der Kern des 5. Mose-Buches sind Gesetzesvorschriften, die eingebettet sind in die Geschichte Gottes mit Israel. Im Kapitel 15 finden wir auch die Vorschriften für das Erlassjahr. Es erinnert daran, dass alles Gott gehört, der Acker und seine Früchte, auch die im weitesten Sinne. Darum werden nach sieben Jahren alle Schulden erlassen, Geborgtes geht ins Eigentum über. Das alles macht deutlich, welchen Stellenwert Gott sozialer Gerechtigkeit einräumt. Aber Gott überlässt seinem Volk da nicht irgendwelchen idealistischen Illusionen, sondern macht ihm in 5. Mose15,11 ganz unmissverständlich klar: Armut wird es immer geben im Lande. Das bedeutet ganz konkret, dass wir nüchtern sein und nicht auf ein goldenes Zeitalter warten sollen, in dem Armut tatsächlich eines Tages Geschichte werden wird. Gleichzeitig gibt Gott seinem Volk aber auch einen ständig gültigen Auftrag, sich um die Armen zu kümmern.
Wir sehen auch, wie die Zahl der Armen in unserem Land immer mehr zunimmt. Viele Kinder bekommen keine ausreichend gute Ernährung. Nach neuen Studien steigt die Kinderarmut immer weiter an. In Deutschland und Österreich leben mehr arme Kinder als in den meisten anderen Industriestaaten. Welche Kinder gelten denn nun als arm? Gibt es nicht viel ärmere Kinder in anderen Ländern von Europa oder Afrika?
Ich habe eine Definition gefunden, auf der Grundlage einer amtlichen Erhebung von 2008, Leben in Europa. Dort heißt es:
„Kinder in Deutschland gelten als arm, wenn ihre Eltern über ein Einkommen verfügen, das weniger als 60% des durchschnittlichen Nettoeinkommens umfasst. Die Armutsgrenze liegt in Deutschland bei 781€ pro Monat für Alleinerziehende.“
Das heißt, Armut betrifft jedes sechste Kind, ca.3 Millionen in Deutschland (Zahl stammt vom Deutschen Kinderschutzbund e.V. 2009) Statistisch gesehen fällt jede 4. Familie unter die Armutsgrenze. Es leben zum Beispiel 37.5 % Kinder mit ihren Eltern von Harz IV in Berlin oder 28.5 % in München. Die materielle Armut von Kindern hat sich etwa alle 10 Jahre verdoppelt.
In wohlhabenden Ländern äußert sich Armut anders als in armen Entwicklungsländern, in denen viele Menschen kein Dach über dem Kopf haben und Hunger leiden müssen. Ein Vergleich oder ein Aufrechnen gegen diese Länder ist unangebracht und trifft die Würde des Menschen. Auch bringt uns das keine wirklich neuen Erkenntnisse.
Armut bedeutet hierzulande, dass Familien sehr wenig Geld zur Verfügung haben. Für Kinder und Jugendliche hat das weit reichende Folgen. Oft fühlen sie sich nicht zugehörig und werden verspottet, weil sie anders sind. Im Stillen leiden sie sehr unter der Situation. Im Gegensatz zu anderen Kindern nehmen sie keinen Musikunterricht, gehen nicht in Sportvereine, fahren nicht mit auf Rüstzeiten, Klassenfahrten, besitzen keine eigenen Sachen und bekommen kein Taschengeld. Meist haben sie kein eigenes Zimmer und damit zu Hause keine Rückzugsmöglichkeit. Oft essen sie in großen Suppenküchen, weil es bei ihnen nicht regelmäßige warme Mahlzeiten gibt. Sehr häufig wohnen Kinder aus armen Familien in trostlosen Stadtteilen, in denen es wenige Freizeitmöglichkeiten gibt und die Kriminalität hoch ist. Jugendliche, die in Armut leben, werden nicht nur von anderen ausgegrenzt, sie fühlen sich oft auch selbst minderwertig, nicht geliebt und fremd in der Gesellschaft.
Die Wenigsten von uns haben nun die Möglichkeit, für umfassende soziale Gerechtigkeit in unserem Land zu sorgen. Das kann mutlos und passiv machen. Interessant ist aber, dass im Bibelwort nicht von der öffentlichen Hand, sondern von der offenen Hand die Rede ist. Gott spricht zuallererst uns ganz individuell an: „Tue Deine Hand auf!“ Es gibt für uns keine Ausrede. Gott fängt immer zuerst bei uns direkt an, wenn es um Veränderung geht. Mit anzupacken und nicht passiv zu sein ist unser Auftrag.
Wie können wir nun im Sinne dieses Verses handeln? Alles kann klein beginnen. Das Engagement fängt bei jeder und jedem Einzelnen an.
Verhalte ich mich meiner Familie, meinen Freunden und Arbeitskollegen gegenüber solidarisch und sorge so für eine gerechte Atmosphäre? Die Hand zu öffnen kann auch bedeuten, ich begegne dir in Freundschaft, ich möchte dich festhalten und nicht fallenlassen, ich werde dich aber auch wieder loslassen und dir deine Freiheit nicht nehmen.
Eine offene Hand ist auch eine Hand die helfen kann, wo Hilfe notwendig ist. Niemand kann einen Mitmenschen festhalten oder helfend zur Seite stehen, wenn er dabei seine Fäuste geballt hat. Geöffnete Hände können einen Mitmenschen berühren, die Hand halten und ihn trösten. Geöffnete Hände können sich zum Beten zusammenlegen oder gefaltet werden. Sie bleiben dabei geöffnet und halten nichts fest, außer sich selbst. Und schaffen so eine Verbindung, um Glauben oder Segen auch weiterzugeben.
Geöffnete Hände sind schließlich auch empfangende Hände, Hände, die von Gott und den Mitmenschen annehmen können. Gott liegen die Armen und Schwachen am Herzen. Interessant - Gott bewertet oft genau umgekehrt wie wir. Nicht wie viel ein Mensch einnimmt, zählt bei ihm, sondern wie viel er gibt. Wer den Armen und Bedrängten hilft, erwirbt richtigen Reichtum und wird zum Segen für das Land.
Nun wurden viele Aspekte angesprochen und ich möchte euch gern einladen, einmal selber zu sehen, was die Kinder und Jugendlichen, welche Armut betrifft, zu diesem Thema meinen. Im Januar habe ich einen ersten Aktionstag durchgeführt. Dort konnten die Mädchen, welche zu 90% aus Harz IV-Familien kommen, einmal sammeln und aussprechen, was ihnen für ihr Leben wichtig ist, was sie denken und sich wünschen. Ich habe diese Wünsche aufgeschrieben auf Kerzen und Ihr könnt sie mit nach Hause nehmen, um ein Licht anzuzünden und so auch an Arme zu denken, welche hier in Dresden leben. Als zweites konnten wir mit den Mädchen die Liste des guten Lebens besprechen und es ist dazu ein gemeinsames Bild-Wandflies entstanden, welches jetzt auf Wanderschaft durch Europa gehen wird. Wir würden uns wünschen, dass die Liste als eine amtliche Resolution betrachtet wird und viele Menschen erreichen kann. Diese Liste ist auch für Euch gedacht.
So wünsche ich uns allen auch für diesen Tag, dass wir das Gefühl von Gottes Gegenwart haben und daran glauben, dass er bei uns ist. Amen
Heike Siebert,
Referentin im Landesjugendpfarramt
Arbeit mit Mädchen, Kindern und Konfirmanden, Genderbeauftragte
